Todgesagte leben länger

In den letzten Woche wurde mehrmals der PC als Spielplattform todgesagt. Bei Epic (Unreal Tournament, Gears of War) widersprach man sich sogar intern. Genauso wie man bei Epic ankündigte die nächste Engine in erster Linie auf Konsolen auszulegen, nur im nächsten Atemzug zu erwähnen, dass sie danach (wohl noch weiter überarbeitet) auch für den PC zur Anwendung kommt. Immer wieder wurde von verschiedenen Branchenkenner die stetig zurückgehenden Absatzzahlen im Einzelhandel als Begründung genannt. Ich habe schon mehrmals dabei erwähnt, dass dabei die Absatzzahlen der on Demand Systeme von Steam und die Gebühren der zur Zeit boomenden MMO’s ausser Acht gelassen wurden. Dies wird nun vom Chef von SOE (Sony Online Entertaiment) in einem Interview bestätigt. Zitat:

The simple truth is the online business is picking up in a huge way. If you’re able to add in – and NPD is beginning to track this stuff – the digital sales and regular sales and subscription money and all that stuff, the PC gaming industry is at its strongest point in its history period.

Alleine Blizzard (als reiner PC Spielehersteller) hatte letztes Jahr fast 1.5 Milliarden Dollar Umsatz gemacht. An der Game Developer Conference hatte Microsoft erwähnt letztes Jahr 800 Millionen Umsatz in der USA mit ihren Konsolen gemacht zu haben, und dabei mehr Spiele als PS3 und Wii verkauft zu haben. Und Blizzard ist nur einer der grossen MMO Hersteller, vergessen wir nicht Firmen wie NCsoft, Asiens grösster MMO Hersteller, der Stückzahlen mässig die meisten MMO’s herstellt (Guild Wars, Lineage I + II, City of Heroes, Tabula Rasa usw.) oder eben SOE (Everquest, Star Wars Galaxies, Planetside etc.). Momentan befinden sich nicht ohne Grund hunderte von MMO’s in der Entwicklung. Dazu die Einnahmen von on Demand Angeboten, wobei hier Valves Steam sicher der grösste Anteil ausmacht. Bei Valve gibt man sich deshalb auch sehr zuversichtlich wie dem Interview hier zu entnehmen ist. Zitat:

Valve bleibt ein treuer Verfechter des PCs. Und sie widerlegen Argumente, dass stagnierende PC-Umsätze den Tod der Plattform bedeuten. Wenn man alternative Absatzmärkte in Betracht ziehe, wäre es sogar der gesündeste Markt. „Sony und Microsoft haben beide Armeen an PR-Leuten, deren Job es ist, jeden Tag Informationen in den Rachen der Presse und Analysten zu stopfen“, sagt Lombardi. „All diese Leute sagen, dass der PC stirbt, die Konsole gewinnt und niemand auf der PC-Seite diese Plattform anführt. Und die Verkaufszahlen betrachten den Einzelhandel. Und darüber gibt es keinen Zweifel: PC-Umsätze im Einzelhandel sinken.“

Aber fast jeder Provider der Welt hat inzwischen Verträge mit bestehenden oder eigene Angebote (Gamesload etc.). IGN als grösste Gamesitenetwork der Welt hat zum Beispiel Direct2Drive. Die Angebote wachsen, selbst bei Microsoft ist man der Meinung das dieser Markt rasant wachsen wird, und stellt darum ein eigenes Programm für den PC auf: Games for Windows und Live Anywhere. Dazu kommt die Entwicklerumgebung XNA die nicht nur für Xbox 360 sondern auch für PC, Windows Mobil und Zune gedacht ist, stammt doch ihre Fundament auch auf PC Technologie (DirectX und Visual Studio).

Es ist klar dass eine offene Plattform, wie der PC, keine geschlossene Lobby hat wie eine geschlossene Plattform mit einem einzelnen Hersteller wie es bei den Konsolen der Fall ist. Denoch macht sich genau Microsoft und die klassischen PC Hersteller nun für den PC stark und wollen den Unkerufen zuwider beweisen, dass der PC noch lange nicht tod ist. Ich kann das Geschwätz auch nicht hören, hatte man doch schon vor 10 Jahren an der E3 den PC als Tod erklärt für Spiele. Und wer hat heute die grössten Communities? Ein paar Stichworte: Browserspiele (Online Poker), Counter Strike und World of Warcraft. Lustigerweise schweigt genau der Konsolenhersteller bei der ganzen Debatte, der eigentlich als einzigster den PC in die Schranken verweisen kann: Nintendo (Big-N). Sind doch seine Brandings durchs Band die bestverkauften der Welt (wobei auch beim Wiki Artikel darauf aufmerksam gemacht wird, dass die Listen keineswegs vollständig sind):

Top ten best-selling video game franchises:

  1. Mario (200 million)
  2. Pokà©mon (165 million)
  3. The Sims (Nearly 100 million)
  4. Final Fantasy (80 million)
  5. Tetris (70 million)
  6. Grand Theft Auto (66 million)
  7. FIFA (65 million)
  8. Madden NFL (60 million)
  9. The Legend of Zelda (52 million)
  10. Donkey Kong (48 million)

Exklusive Playstation oder Xbox Titel sucht man in der Liste vergeblich. Alle Titel ausser die von Nintendo sind multiplattform Titel.

Als weiteres Argument werden die illegalen Kopien genant. So musste erst kürzlich Iron Lore, Macher von „Titan Quest“, die Tore schliessen. Angeblich weil das Spiel sich schlecht verkaufte während die Kopie sich weitaus mehr verbreitete. Was unterschlagen wurde: Das Spiel stürzte gewollt als Kopie alle 30min ab, was schlechte Mundpropaganda zur Folge hatte, und somit auch ehrliche Käufer dem Titel fern blieben. Des weiteren zeigen Hersteller wie die deutsche sehr kleine Schmiede exDream, Macher von Arena Wars, dass man mit einem guten Preisleistungverhältnis durchaus Erfolg haben kann. Nach wie vor wird mit einem guten Konzept auch auf dem PC massig Spiele verkauft. Das dumme ist, dass der PC schon eine Evolutionsstufe weiter als die Konsolen ist, die erst spät Internet und User generated Content entdeckt haben (teils erst kürzlich). Der PC Sektor steigt schon auf MMO und on Demand Vetrieb um.

Und nicht zuletzt neue Vetriebsformen wie Steam oder XNA Projekt sowie die Offenheit des PCs sowie seine allgegenwärtige Anwesenheit in fast jedem westlichen Haushalt, inzwischen auch zu 60% via Internet, macht ihn so attraktiv als Entwicklungs- und Vetriebsplattform. Darum boomen Browser-, Indipendent-, OpenSource-, Freewarespiele auch derart. Grad mit dem Internet ist man an kein spezifische Plattform oder Betriebssystem und kein festes Vetriebsweg mehr gebunden. Dazu stehen immer ausgereiftere Entwicklerumgebungen gratis zur Verfügung. Dazu kommt, dass man beim PC mittels guten User Content auf sich aufmerksam machen kann. Und viele Industriekenner erwähnen es immer wieder in Interviews, dass mehrheitlich innovative Ideen aus der Community kommt und man nicht wenige Talente dort heraus rekrutiert. Inzwischen redet man genauso von einer Demokratisierung der Spieleentwicklung wie es beim Web der Fall ist durch User generated Content. Und nur wenige sind damit überhaupt noch nicht in Berührung gekommen. Was solche Communities bewirken können, haben Wikipedia oder Youtube gezeigt. Das ganze ist inzwischen Big Business, und denselben Boom darf man zurecht nun in der Spielebranche erwarten. Und die Reaktionen darauf von klassischen Hersteller darauf mit Todsagung des PCs ist wahrscheinlich diesselbe verzweifelte und ängstliche Reaktion wie die der Musikindustrie auf die MP3, mit der Angst die Entwicklung verschlafen zu haben und nun den Anschluss zu verpassen. So sagen auch Analysten grössere Umbrüche voraus und prophezeihen den klassischen Vetriebsformen ähnlich grosse Rückgänge wie es schon die restliche Unterhaltungsbranche erlebt hat. Da steht nun die Spielbranche, als inzwischen die grössten der Unterhaltungsbranchen, vor neuen Herausforderungen. Nicht umsonst dürfte sie ja die anderen überholt haben, daher bin ich zuversichtlich dass uns interessante und abwechslungsreiche Jahre als Gamer erwarten.

Update vom 22. April: Die Artikelserie von Golem.de zielt in diesselbe Richtung ab, wie ich schon zum Schluss gekommen bin.

Update vom 24. Juli: Dieses Interview mit Gabe Newell (Valve, Steam) zeigt deutlich welche Probleme in der PR die PC Gameindustrie sie hat, und nicht bei den Absatzzahlen:

“I mean, go ask [Blizzard president] Rob Pardo if PC gaming is dead – if he can take the time out from making money hats, I’m sure he’ll give you a really eloquent explanation of why probably the most valuable entertainment franchise of the moment is PC-specific.”


1 comment

  1. Elias Februar 2, 2012 6:14 pm 

    Hallo, vielen Dank für den ausführlichen Post. Ich finde es gut, wenn sich jemand mit diesem Gebiet beschäftigt und es in die Welt hinaus trägt.

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